Autofahren für Blinde und sehbehinderte in Diepholz

Eindrücke von Bremer Teilnehmern

Eine rundum gelungene Veranstaltung erwartete die zwölf Bremer Teilnehmenden, als sie am Sonnabend, dem 12. Mai 2012 mit dem Zug nach Diepholz fuhren. Die Hauptorganisatoren, Andrea und Patrick Wöbse aus Diepholz, hatten einen Reisebus gechartert, der alle angereisten Interessierten direkt zum Ort des Geschehens brachte, in den Fliegerhorst Diepholz.

Das dort tätige Standortpersonal nebst Oberkommandantur hatte extra für uns eine Montagehalle leergeräumt und das halbe Kasernengelände zur Verfügung gestellt. In besagter Halle gab es für die insgesamt 55 Teilnehmer und einige Begleiter liebevoll aufgestellte Sitzgarnituren, an denen man es sich erst mal gemütlich machen konnte. Bevor das Autofahrprogramm losging, konnte man sich am großzügig aufgebauten Buffet Kaffee, Kuchen und bleifreie Kaltgetränke zu niedrigen Preisen holen.

Über eine Lautsprecheranlage wurden dann die ersten „Fahrschüler“ aufgerufen, und los ging's. Nicht weniger als zwölf Fahrschulwagen nebst dazugehörigen Fahrlehrern und Fahrlehrerinnen waren aus dem Umkreis gekommen, um uns Sehbehinderten zum ersten oder wieder mal Gelegenheit zu geben, ein Kraftfahrzeug zu lenken. Außerdem gab es noch fünf schicke und schnelle Motorräder, auf denen man als Beifahrer „hinten drauf“ sich mal den Fahrtwind so richtig um die Nase wehen lassen konnte.

An dieser Stelle sei bemerkt, dass es zahlreiche Sponsoren gab, die mit reichlichen Sach- und Finanzspenden diese Veranstaltung erst möglich gemacht haben. Vor Ort waren auch ein Feuerwehr- und ein Rettungswagen sowie die Verkehrswacht mit zwei Aktionen und vielen freiwilligen Helfern anwesend. Auch wenn all diese Menschen dies hier möglicherweise nicht lesen werden, möchte ich ihnen im Namen aller Bremer Teilnehmer ganz herzlich für ihren Einsatz danken!

Habe ich schon erwähnt, dass die ganze Veranstaltung für die Teilnehmer kostenlos war?

Nun zum eigentlichen Gegenstand der Aktion: Das „Selber -Fahren“ eines ausgewachsenen Automobils. Es folgen nun die persönlichen Eindrücke einiger Bremer Teilnehmer.

Ganz unbescheiden fange ich einfach mal an. Nachdem mein Name aus dem Lautsprecher erklungen war, wurde ich zu einem Fahrzeug geleitet, wo mich die sehr nette Fahrlehrerin Patti in Empfang nahm. Wir verstanden uns auf Anhieb, und sie durfte erst mal ein paar Erinnerungsfotos von mir am und im Auto machen.

Eine Erklärung der Bedienelemente des Autos erübrigte sich, da ich früher ja noch normal sehen konnte und über zehn Jahre selbst Auto gefahren bin. So konnte es also gleich losgehen, und da ich mittlerweile nur noch Dinge erkennen kann, die sich in unmittelbarer Nähe befinden, war Patti so freundlich, mir den Weg zu erklären und auf eventuelle Hindernisse zu achten. „Jetzt rechts, dann wieder links“ und „Ein bisschen langsamer, da kommt ein Bahnübergang“ oder auch „Jetzt mal mehr rechts fahren, da kommt uns einer entgegen“ waren die notwendigen Anweisungen, mit denen unsere angeregte Unterhaltung über das Fahren und andere Themen von Zeit zu Zeit unterbrochen werden mussten.

Nach zehn Jahren Fahrabstinenz konnte ich feststellen, dass man das Kuppeln, Schalten und Lenken genauso wenig verlernt wie Fahrradfahren oder Schwimmen. Ich fühlte mich an frühere Zeiten erinnert, an die guten, als ich mit meinem Auto zum Beispiel quer durch Schottland gefahren bin, und an die weniger guten, als ich wegen meiner Makuladegeneration immer unsicherer beim Fahren wurde und gemerkt hab, dass es bald vorbei sein würde.

Nach guten zehn Minuten war die Kasernenrunde dann leider auch schon um, und ich parkte den Volkswagen wieder vor der Halle.

Nun erzählt Martina Reicksmann, wie sie das Fahren erlebt hat:

Ein bisschen mulmig ist mir schon, als ich über Lautsprecher aufgerufen werde. Die Fahrlehrerin Patti begrüßt uns freundlich. Mein 17jähriger Sohn Steffen nimmt auf der Rückbank des VW Polo Platz. Bevor ich jedoch losfahren kann, erhalte ich einen Crash-Kurs: Linker Fuß bedient die Kupplung, der rechte Fuß übernimmt Gas- und Bremspedal. Die Gangschaltung beschreibt mir Patti sehr anschaulich als Flur, von dem fünf Zimmer abgehen; die ungeraden Gänge vorn, die geraden hinten. Der Rückwärtsgang befindet sich im Keller. Anschnallen, und dann geht es los. Zündschlüssel drehen, Kupplung durchtreten, den ersten Gang einlegen, die Kupplung langsam kommen lassen, und ich fahre. Wie kann das denn? Ich habe doch gar nicht Gas gegeben! Das mache ich dann, und schon muss ich in den zweiten Gang schalten. Natürlich die Kupplung nicht vergessen. Es sind viele Schritte, die Patti mich mit Ansage machen lässt. Als ich dann eine angemessene Geschwindigkeit erreicht habe, Fuß von der Kupplung, Gas gedrückt halten, und es ist zum ersten mal ein wenig entspannend. Ich bin überrascht, wie schnell ich fahre, 70 Kilometer die Stunde, fühlt sich gar nicht so an. Dann wieder Kupplung und bremsen. Erst dabei wird mir die ungeheure Kraft des Fahrzeugs bewusst. Die Bremse zieht stark, und der Wagen kommt zügig zum Stehen. Nun aber die Kupplung halten, bis der Gang draußen ist. Mach ich natürlich nicht, und der Motor ist aus.

Ich bin beeindruckt von Pattis Geduld und von ihrem Einfühlungsvermögen. Sie hat offensichtlich großen Spaß an unserem Experiment. Bei all den Anweisungen allein für das Fahren muss sie stets darauf achten, dass wir nicht von der Straße abkommen. Mein Sehvermögen von etwa zwei Prozent lässt mich die Straße unmittelbar vor mir erkennen. Ich sehe ein vor uns fahrendes Auto, ein Motorrad, das uns überholt und den Seitenstreifen. Patti legt ihr Schlüsselbund mit einem leuchtenden Anhänger auf das Armaturenbrett. Um das Auto auf der rechten Fahrbahnseite zu halten, muss ich den Übergang von Straße zu den Dingen, die sich rechts am Straßenrand befinden, an dem Anhänger orientieren.

Mein Sohn ist zufrieden mit meiner Fahrweise. Bald werden wir die Rollen tauschen, und ich kann - dank meiner eigenen Fahrerfahrung – besser nachvollziehen, welche Schwierigkeiten ein Fahranfänger zu meistern hat.

Und hier schildert Frank Mohrmann seine Eindrücke von der Veranstaltung:

Als mein Name aufgerufen wurde, bin ich mit meiner Tochter Sarah aus der Halle rausgegangen und wir haben uns bei unserem Fahrlehrer gemeldet. Auf Nachfrage erklärte ich dem Fahrlehrer das ich außer bei einer ähnlichen Veranstaltung wie dieser keinerlei Fahrerfahrung habe. Ich hatte als erstes einen Schaltwagen, und er erklärte mir, wie man Gas gibt,, die Kupplung betätigt, und wie man bremsen kann. Sarah durfte hinten mitfahren. Langsam fuhren wir los und rollten über das Gelände. Ich fand es sehr beeindruckend, auf Anweisung am Lenkrad zu kurbeln, Gas wegnehmen und auf Anweisungen des Fahrlehrers zu achten.

Bei meiner zweiten Autofahrt hatte ich eine Fahrlehrerin und ein Automatikfahrzeug. Wir fuhren jetzt zügiger über das Gelände, und Ich musste schmunzeln, als die Fahrlehrerin mehrmals links und rechts verwechselt hatte, wodurch wir einmal ein wenig von der Fahrbahn abkamen. Wir einigten uns dann auf „meine“ und „deine Seite“, und somit fuhren wir eine schöne große Runde und kamen sicher an. Es war ein tolles Gefühl, selber am Steuer zu schalten und walten und zu spüren, wie sich die Beschleunigung bemerkbar macht und wie lange ein Bremsweg so dauert.

Meine dritte Fahrt war als Beifahrer auf einem Motorrad. Nachdem der passende Helm gefunden war und der Regen aufgehört hatte, fuhren wir über das Gelände. Da ich bereits im letzten Jahr zweimal Motorrad gefahren bin, war das Gefühl zwar nicht neu, aber ich hatte eine Freude beim Fahren. Es ist ein klasse Gefühl, sich in die Kurve zu legen und den Fahrtwind zu spüren. Der Pilot, der Fahrlehrer ist, erklärte mir wo wir uns auf dem Gelände befunden haben.

Meine Frau Martina hat einen Automatikwagen über das Gelände gelenkt und ist als Sehbehinderte sehr begeistert von den ersten Fahreindrücken.

Auch unsere Tochter, die nicht zum Autofahren gekommen war, war glücklich und zufrieden mit einem tollen erlebnisreichen Tag. Da die Anwesenden über Lautsprecher aufgerufen wurden, hatte man einen schönen Überblick, wer alles aus Niedersachsen angereist war. Dadurch ergaben sich alte Bekanntschaften, die wieder neu aufgefrischt wurden.

Ein großes Lob an die Veranstalter für einen tollen gelungenen Tag.

Es gab auch ein Angebot für die Begleitpersonen, um sich ein wenig die Zeit zu vertreiben. Die örtliche Verkehrswacht hatte draußen zwei Aktionen aufgebaut: Einen „Gurt-Aufprall-Simulator“ und einen „Promille-Parcours“ (Wie die Sachen wirklich genannt wurden, weiß ich nicht mehr).

Der Aufprallsimulator bestand aus zwei Autositzen mit Anschnallgurten, die auf einer schiefen Ebene montiert waren. Man setzt sich rein, schnallt sich an, dann werden die Sitze die Schräge empor gezogen und – los gelassen. Der Schlitten mit den Autositzen nebst den darin befestigten Versuchspersonen gleitet ziemlich flott nach unten und kracht gegen einen festen Stahlträger. Dies simuliert einen Aufprall mit dem Auto auf ein fest stehendes Hindernis mit einer Geschwindigkeit von etwa 12 Kilometern pro Stunde. Mehr nicht, aber die Kraft, mit der einen der Gurt im Sitz zurückhält, verursachte schon leichte Schmerzen im Brustbereich. Man kann nur erahnen, wie ein Aufprall an einen Baum bei höheren Geschwindigkeiten sich anfühlen würde.

Die zweite Außenaktion sollte den zumeist ja noch Auto fahrenden Begleitpersonen zeigen, wie sich das Sehvermögen verändert, wenn man 1,3 Promille Alkohol im Blut hat. Hierzu bekommt man eine Spezialbrille aufgesetzt, durch die man alles doppelt und leicht schief sieht. Dann konnte man zuerst anhand kleiner Übungen, wie zum Beispiel einen Ball fangen oder selbigen mit dem Fuß zurückschießen, feststellen, wie die körperliche Reaktion erschwert wird, wenn das Sehvermögen durch Alkohol eingeschränkt ist. Dann sollte man einen Hindernisparcours zu Fuß und eine Slalomfahrt durch Leitkegel mit einem Kettcar machen – alles gar nicht so einfach, wenn man einen im Tee hat!

Gegen Mittag wurde ein Grill angeworfen und mit leckeren Bratwürsten bestückt, so dass man den doch recht langen Tag gut durchhalten konnte. Nach etwa vier Stunden waren alle Teilnehmer zweimal mit dem Auto und – wer wollte – auch einmal mit dem Motorrad gefahren. Bis auf ein paar Regenschauer spielte das Wetter auch mit, und um circa 15.30 Uhr wurden wir wieder zum Bahnhof gebracht.

Auf der Rückfahrt waren wir uns alle einig, dass dies eine superschöne Veranstaltung war, die unbedingt wiederholt gehört.

Oliver Müller